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Mördergrube oder Muskel?

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"Wissenschaft im Rathaus" spürt dem Mythos Herz nach

Von Ralf Heußinger

Wo kämen wir da hin, wenn schon Herzchirurgen ins Romantisieren kommen – noch dazu über das Organ, an dem sie täglich arbeiten? Prof. Axel Haverich, Chef der Herzklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), lässt sich auf gar nichts ein. "Das Herz ist kein Mythos", sagt er und beharrt darauf. Sieht man die nackten Zahlen, muss man ihm recht geben: Das Organ, das in der Kunst gerne als "Mördergrube" oder "einsamer Jäger" tituliert wurde, wird in Deutschland inzwischen 400-mal im Jahr verpflanzt. Dazu kommen 18 000 Herzklappen-Operationen, von den Bypässen gar nicht zu reden.

Ist das Herz also nicht mehr als ein Muskel, der jahrzehntelang stur seine Arbeit verrichtet, irgendwann schlapp macht und dann im besten Fall ausgetauscht wird? "Mythos Herz?", dieser Frage ging am Montag der zweite Teil der Diskussionsreihe "Wissenschaft im Rathaus" von Stadt, Volkswagenstiftung und Hochschulen nach. Schließlich, darauf wies Haverich in seinem Vortrag hin, galt auch unter Medizinern noch Ende des 19. Jahrhunderts eine Operation am Herzen als Frevel. Inzwischen freilich haben die Chirurgen ihren Respekt vor dem Organ verloren. Eingriffe am Herzen sind Routine. Das von Haverich angeführte Diktum Goethes, wonach die Natur sich keine Erklärung entreißen ließe, die sie nicht freiwillig gibt, ist widerlegt.

Unterhaltsam war es zu beobachten, wie Moderatorin Ulrike Heckmann versuchte, dem erfahrenen Chirurgen dennoch so etwas wie Ehrfurcht vor dem lebenswichtigen Organ abzuringen. Mit dieser klaren Strategie hatte sie eine bessere Lösung gefunden, als bei der etwas verworrenen Premierenveranstaltung im Januar.

"Ist der Muskel anfällig für Gefühle?", fragte sie raffiniert – und spielte damit auf psychosomatische Krankheiten an. Doch Haverich ließ sich nicht aus der Reserve locken und verwies stattdessen lächelnd auf Faktoren wie Lebensweise und Ernährung.

Da sich der Abend an der Grenze von Wissenschaft und Kultur bewegte, versuchten auch die drei geladenen Künstler ihr Glück. Hanna Larissa Naujoks sang unter der Klavierbegleitung von Volker Link herzzerreißend von Gretchens Liebesschmerz, und der Schauspieler Arndt Schmöle las eine rührende Liebesgeschichte des amerikanischen Autors Russel Banks. "Geht Ihnen das zu Herzen?", wollte Moderatorin Heckmann schließlich vom MHH-Chirurgen wissen. In Haverichs Antwort offenbarte sich, dass diese Fragestellung zwar äußerst reizvoll, aber auch müßig ist. Der Chirurg zeigte sich begeistert von den Vorträgen, nur mit dem Herzen habe das eben nichts zu tun.

Die Reihe "Wissenschaft im Rathaus" wird am 30. Juni, 18 Uhr, fortgesetzt. Das Thema des Abends heißt "Hochwasser, Dürre, Tsunami: Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft". Anmeldung sind unter der Telefonnummer (05 11) 16 84 62 51 möglich.

HAZ-Ausgabe vom 12. März 2008



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